„Legal Tech macht Rechtsanwälte einfach besser“

Markus Hartung, Markus Hartung,
Bucerius Center on the Legal Profession (CLP) an der Bucerius Law School
(30.10.2018)

Kaum ein Thema wird im deutschen Rechtsmarkt derzeit kontroverser diskutiert als der Einsatz von Software und Onlinediensten in der Beratung, kurz Legal Tech. Auf der einen Seite herrscht Euphorie bei denjenigen, die das Potenzial der Technologie sehen und neue Geschäftsfelder wittern. Auf der anderen Seite stehen die Skeptiker, die am traditionsbewussten Berufsbild des Rechtsanwalts festhalten und gleichsam einen Bedeutungsverlust ihres Standes befürchten. Im Berufsalltag vieler Juristen liegt die Wahrheit vermutlich irgendwo dazwischen. Fest steht jedoch: Die Digitalisierung, die inzwischen nahezu alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche durchdringt, macht auch vor der Rechtsberatung nicht Halt.

Noch steckt Legal Tech in Deutschland – anders als bspw. in den USA – in den Kinderschuhen, doch die Zahl der Anbieter und Kanzleien, die selbst digitale Produkte auf den Markt bringen, steigt. Der Einsatz von Software, z. B. zum Durchforsten großer Datenmengen im Zuge eines M&A-Deals, spart Zeit und Geld – ein nicht zu vernachlässigender Wettbewerbsvorteil im Kampf um die großen Mandate. Aber auch von den Mandanten selbst werden im digitalen Zeitalter andere Anforderungen an die Rechtsberatung gestellt: Neue digitale Geschäftsmodelle bringen neue rechtliche Rahmenbedingungen und damit auch neuen Beratungsbedarf. Die Digitalisierung wird den Juristen also nicht ersetzen, sie erweitert aber seinen Spielraum. Es ist also weniger ein radikaler Umbruch, sondern mehr ein tiefgreifender Wandel, der nun auch den Rechtsmarkt erreicht hat – mit unumkehrbaren Folgen. Strategieberater und Anwalt Markus Hartung (siehe Interview unten) formuliert es so: „In fünf Jahren werden wir uns fragen, wie wir es ohne Legal Tech geschafft haben.“

Legal Tech erobert den deutschen Rechtsmarkt. Warum die neue Technologie aber nicht zwangsläufig ein Erfolgsgarant ist und wie sich der Anwaltsberuf verändert, darüber hat PLATOW Recht mit Strategieberater Markus Hartung gesprochen.

Immer mehr Kanzleien folgen dem Trend Legal Tech. Wo sehen Sie einen echten Mehrwert, wo sind Stolperfallen?

Die Vorteile für Kanzleien liegen darin, dass sie ihre Art zu arbeiten professionalisieren können. Sie können insgesamt effizienter werden, und sie können bestimmte Leistungen schneller und besser erbringen. Junge Mitarbeiter erwarten auch, dass sie ihre Ausbildung nicht mehr in Datenräumen verbringen müssen, sondern in einem modernen Kanzleiumfeld arbeiten können. Aber es gibt auch Vorteile bezogen auf das Geschäftsmodell von Kanzleien: Denn Legal Tech ermöglicht die Entwicklung neuer Beratungsprodukte, und das kann im heftigen Wettbewerbsumfeld schon eine Rolle spielen. Die größte Stolperfalle ist dagegen zu glauben, Digitalisierung bestehe im Kauf einer Software. Tatsächlich muss man sich sehr eingehend mit seinen bisherigen Arbeitsabläufen befassen, es braucht viel Change Management! Erst dann wird es mit der Technik sinnvoll, sonst nur teuer.

Kommt eine Wirtschaftskanzlei im harten Wettbewerb heute überhaupt noch an Legal Tech vorbei?

Nein, wirtschaftsberatende Kanzleien kommen ohne Legal Tech nicht mehr aus. Kanzleien müssen mobiles Arbeiten ermöglichen, sie brauchen Software, um die Tausende an Dokumenten, die sie prüfen und bewerten müssen, überhaupt in den Griff zu bekommen. Ohne Legal Tech bekommen Sie auch keinen guten Nachwuchs mehr. Ob Legal Tech eine entscheidende Rolle im Wettbewerb der Kanzleien untereinander spielt, hängt stark von den jeweiligen Mandaten ab. Transaktionen ohne Legal Tech sind in der Beratung sehr teuer – und das wissen Mandanten auch. Gleiches gilt für andere Bereiche: Compliance ohne Legal Tech? Ausgeschlossen. Kartellrecht ohne Legal Tech? Sehr schwer vorstellbar.

Was bedeutet aus Ihrer Sicht die fortschreitende Digitalisierung für die juristische Ausbildung? Was muss der „Anwalt von Morgen“ können?

Sie oder er muss nach wie vor eine sehr gute Juristin/ein sehr guter Jurist sein, da sollte man sich nichts vormachen. Aber gute Juristen müssen auch gute Projektmanager sein. Sie müssen auch in interdisziplinären Teams arbeiten können, darüber hinaus müssen sie die Grundzüge der Wahrscheinlichkeitsrechnung ebenso beherrschen wie die der Statistik. Zwar müssen sie dafür keine Programmierer werden. Aber sie müssen in der Lage sein, mit Programmierern zu sprechen und verstehen, wie Recht und Code zusammenwirken.

Markus Hartung ist Geschäftsführender Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession (CLP) an der Bucerius Law School in Hamburg. Der Rechtsanwalt und Mediator ist u. a. Mitherausgeber und Autor von Hartung/Bues/Halbleib: Legal Tech. Die Digitalisierung des Rechtsmarkts, München 2018. Zudem ist Hartung als Strategie- und Managementberater insbesondere für Kanzleien tätig.