Deutz - Existenzbedrohende Abhängigkeit von Prevent

Deutz - Existenzbedrohende Abhängigkeit von Prevent
© Deutz AG
(06.11.2018)

Der Wahnsinn habe ein Ende, jubelte Deutz-Chef Frank Hiller, nachdem das Landgericht Saarbrücken vor eineinhalb Wochen die Prevent-Tochter Neue Halberg Guss (NHG) per Eilrechtsschutz zur sofortigen Wiederaufnahme der Belieferung des Kölner Motorenbauers mit Kurbelgehäusen und Zylinderköpfen verdonnert hatte. Die gerichtlich verhängte Lieferpflicht für NHG gilt allerdings nur bis Jahresende. Die Prevent-Tochter hat Anfang Oktober die Lieferverträge mit Deutz gekündigt und die Zulieferungen gestoppt, um ihren Forderungen nach besseren Vertragskonditionen Nachdruck zu verleihen.

Dabei geht es um saftige Preiserhöhungen, Einmalzahlungen im Millionenbereich sowie feste Abnahmeverpflichtungen. Mit einer ähnlichen Strategie hatte der für seine wenig zimperlichen Methoden berüchtigte Hastor-Clan zuvor auch schon den mächtigen VW-Konzern herausgefordert. Nach unseren Informationen ist die vom Landgericht Saarbrücken erlassene einstweilige Verfügung der NHG bislang aber nicht offiziell zugestellt worden, so dass die Prevent-Tochter noch keinen Anlass sieht, den Lieferstopp aufzuheben. Wie aus einer uns vorliegenden eidesstattlichen Versicherung von Deutz-Finanzvorstand Andreas Strecker hervorgeht, mit der die Kölner vor dem Landgericht Saarbrücken die Dringlichkeit der Wiederaufnahme der NHG-Lieferungen untermauert haben, verfügt der Motorenbauer noch über Materialvorräte, um die Produktion bis Mitte November aufrecht erhalten zu können. In seiner eidesstattlichen Versicherung gibt Strecker indes auch einen interessanten Einblick in die erstaunlich starke Abhängigkeit der Kölner von NHG. Demnach enthalten mehr als 80% der von Deutz produzierten Motoren Kurbelgehäuse bzw. Zylinderköpfe aus der Produktion der NHG-Werke in Saarbrücken und Leipzig.

„Es kann nach derzeitigem Kenntnisstand nicht ausgeschlossen werden, dass die Deutz AG einen dauerhaften Lieferstopp durch NHG nur unter Inkaufnahme von letztlich existenzgefährdenden Verlusten durchstehen würde", schildert Strecker die Dramatik der Lage. Denn auch ein Wechsel des Zulieferers ist auf Grund der besonderen Expertise der NHG nicht so einfach möglich. Der Deutz-CFO schätzt die Verlagerungsdauer auf einen alternativen Gusslieferanten auf ca. 18 Monate und die damit verbundenen zusätzlichen Kosten auf mindestens 15 Mio. Euro. Bei einem weiteren Ausbleiben der NHG-Lieferungen wäre Deutz „binnen kürzester Zeit gezwungen, Kurzarbeit für ihre Montagewerke in Köln und Ulm sowie ihrer Komponentenwerke in Herschbach und Zafra (Spanien) zu beantragen".

Zudem drohten harte Umstrukturierungsmaßnahmen bis hin zu betriebsbedingten Kündigungen. „Insgesamt wären hiervon unmittelbar mehr als 3 500 der rund 4 500 Mitarbeiter der Deutz AG betroffen." Den entgangenen Gewinn durch unterbliebene Verkäufe während der Umstellungsphase auf einen alternativen Lieferanten beziffert Strecker auf einen „mittleren dreistelligen Millionenbetrag". Ein Ausweg für Deutz könnte indes die Übernahme der zum Verkauf stehenden NHG sein. Es wird denn auch spekuliert, dass neben GM auch Deutz hinter der Offerte des Finanzinvestors One Square für NHG stecken könnte.